Der Winterbacher Maibaum – Geschichte und Geschichten

Aus Aufschrieben von Helmut Nachtrieb sen.

Die Maifeier im Jahr 2020 muss wegen Corona abgesagt werden.
Dies gibt Anlass, die Tradition der Maibaum-Aufstellung in Winterbach anhand der Aufschriebe von Helmut Nachtrieb sen. darzustellen, er schreibt:

„Schon vor dem zweiten Weltkrieg wurde in Winterbach eine Fichte mit Handwerkerzeichen als Maibaum aufgestellt.

Die Zeichen gingen leider verloren und so wurde nach dem zweiten Weltkrieg am Vortag des 1. Mai als Maibaum immer eine Birke auf dem Marktplatz durch die Mitarbeiter des Bauhofs aufgestellt – und auch immer wieder mal gestohlen. Jahrelang wischten die Nachbarn den Winterbachern, jedes Mal in der Nacht zum 1. Mai, eins aus, denn sie schafften es immer wieder, den Baum abzusägen oder zu stehlen, worüber die Winterbacher natürlich nicht erfreut waren. Uns so entschloss man sich, keinen Maibaum mehr aufzustellen. Das hat unserer „Freiwilligen Feuerwehr gar nicht gefallen. Sie sannen auf Rache, nahmen sogar eine Strafe in Kauf und stellten auf eigene Faust eine Birke um 5:30 Uhr in der Frühe des 1. Mai auf dem Marktplatz auf. Diese Birke wurde um Mitternacht im „Eingemachten Wald“, in der Nähe des heutigen „Ludwig Hammer Gedenksteins“ geholt. Der Transport auf den Achseln der Männer war sehr beschwerlich – denn damals wurde in der „Hirschkrippe“ gerade an der Landeswasserversorgung gebaut – und so war es wie bei den 7 Schwaben, wenn einer gefallen ist, gingen alle andern auch zu Boden.

Im Jahr darauf wurde wieder ein Maibaum am späten Nachmittag des 30. April aufgestellt. Doch hielten ein Dutzend Feuerwehrleute in offizieller Mission Wache im unteren Rathausraum. Bürgermeister Hinderer stiftete den Männern für diesen Dienst ein 30-Liter-Fässle Bier. Doch sie hatten noch keine zwei Krügle getrunken, als sie ein verdächtig das Kronenbergele herunterfahrendes Auto beobachteten. Dies parkte an der Kirchenmauer und schon war auch das Geratter einer Motorsäge zu hören. Gleichzeitig stürmten die Feuerwehrmänner aus ihrem Rathaus-Unterstand, der Mann ließ seine Säge fallen und ergriff die Flucht. Die Motorsäge wurde einige Tage darauf von der Mutter des Maibaum-Diebs aus Urbach bei Bürgermeister Hinderer abgeholt.

Aber die Feuerwehrleute merkten, dass in dieser Nacht noch mehr „im Busch“ war. Um 2:30 Uhr erschienen die Baumsäger aus der Nachbargemeinde, etwa 10 Mann stark, wiederum mit Sägen. Bevor sie allerdings ans Werk gehen konnten, wurden sie von den Winterbacher Feuerwehrmännern am Schlawittchen gepackt und landeten in voller Montur im Marktbrunnen, bei einer Wassertemperatur von etwa 8 Grad. Einen „verhinderten“ Weilermer Baumabsäger erwischte es ganz schlimm, denn er kam beim Auftauchen mit seinem Kopf zwischen die Stäbe wo man früher die Wasssergölden abgestellt hatte. Wer indes jetzt glaubte, dass die Weilermer zu viel eiskaltes Wasser geschluckt hätten, täuschte sich gewaltig. Sie wechselten ihre Kleider und machten sich nochmals mit Sägen „bewaffnet“ auf in Richtung Winterbach. Der „Erfolg“ war freilich der Gleiche. Sie landeten – einige konnten flüchten – wieder im Brunnen. Um 6:00 Uhr in der Früh, als sich die Albvereinler zur Maiwanderung beim Marktbrunnen trafen, gingen die Feuerwehrleute heim. Einige Tage später erhielten sie von unserem Altbürgermeister Max Scheiger auch noch zwanzig Mark, „weil ihr unseren Maibaum so tapfer bewacht habt“.

In den folgenden Jahren wurde der Maibaum von den Feuerwehrleuten in der Kelter gerichtet – dort war damals noch der Bauhof untergebracht – und in der Früh um 5:00 Uhr aufgestellt. Um den „Maibaumsägern“ den Spass zu verderben, wurden am unteren Stamm Moniereisen angebracht oder die Wellenbänder für Dielen eingehauen. Doch auch da erlebten sie nochmals eine Überraschung: Die Öffnung, wo der Maibaum eingelassen werden sollte, war mit Beton zugemacht. Er war aber noch frisch und konnte mit einiger Mühe wieder entfernt werden.

Und bei diesen Erinnerungen kommt unweigerlich eine andere Maibaumgeschichte ins Gedächtnis. Einmal hat ein Winterbacher ein Auto gekauft und wollte dies dann dem „Waldhornwirt“ nach einem feucht-fröhlichen Maientag vorführen. Doch die Fahrt aus der Brunnengasse endete schnell am Winterbacher Maibaum auf dem Marktplatz und mit einem notwendig gewordenen Besuch des Krankenhauses in Schorndorf.

Doch das Brauchtum um den Maibaum ging weiter und suchte sich für die Darstellung jetzt neue/alte Wege. Besonders der Ostalbkreis war es, der in den beginnenden 80er Jahren die Tradition mit der Aufstellung eines Fichtenbaumes und kunstvoll gestalteten Handwerkerzeichen wiederaufleben ließ. Auch Winterbach wollte nun zum 1. Mai mit seinem 1975 und 1976 sanierten Marktplatz mit Rathäusern ausstrahlen und fasste im Kulturausschuss den einstimmigen Beschluss, im Jahr 1983 auch so einen Maibaum aufzustellen. Die Rentnertruppe des Dorf- und Heimatmuseums hatte sich schon im Vorfeld bereiterklärt zur Schmückung des Baumes die Handwerkerzeichen herzustellen. Im Winter und Frühjahr 1982/83 wurden in der Schlosserwerkstatt von Wilhelm Hasert, unter seiner fachgerechten Anleitung, diese Arbeiten gemacht. Kunstmaler Franz Uch hat die „Symbole“ dann in seinem Wohnzimmer bemalt.

Der Maibaum, eine stattliche hohe Fichte, wurde mit Förster Ludwig Hammer, dem Fronmeister Hermann Schiek und der Rentnertruppe des Museums ausgewählt. Gefällt wurde er anderen Tages von den Gemeindearbeitern und in den Bauhof gebracht.

Der Kranz für den Maibaum mit ca. 5,50 m Umfang wurde nun mit Tannenreisig von Hilde Benz unter Mithilfe mehrerer Frauen und Männer vom Schwäbischen Albverein, Mittwochswanderern und Freunden des Museums gebunden und mit Bändern von Ruth Nachtrieb verziert. Und als es dann um das Binden der Girlande ging (sie ziert den Maibaum vom Ende der Krone bis zum Kranz) erklärte sich Else Gengenbach bereit, diese zu binden, wohlgemerkt ohne Vorkenntnisse. Im Laufe der Jahre wurden Schnitzereien am Stamm angebracht und die Handwerkerzeichen durch skulpturale Schmiedearbeiten wie einen Sommerstrauß aus Kornblumen, Klatschmohn, Weizen-Ähren und Hafer sowie Feldfrüchte und einer großen Traube mit über 100 Beeren ergänzt. Auch eine Tafel mit einem schönen Maispruch wurde von Felix Krall gestaltet.

Die Maifeier wurde von Anfang an durch die Jugendkapelle des Musikvereins Trachtenkapelle und den Gesangverein Liederkranz begleitet. Und durch Schülerinnen und Schüler unserer Grund- und Hauptschule, den Katholischen Kirchenchor oder Gastgruppen wurden Maitänze aufgeführt. Jedes Jahr wurde durch Marianne Schulz ein Maigedicht vorgetragen – manchmal selbst verfasst. Auch die Rede zum 1. Mai durfte nie fehlen und diese Aufgabe wurde vom Bürgermeister, von Gemeinderäten oder Mitbürgern übernommen. Am Schluss der Maifeier sang man zu den Klängen der Jugendkapelle gemeinsam das Lied „Der Mai ist gekommen“.

Ab 1993 übernahmen die Alterswehr unserer Feuerwehr und die Feuerwehrfrauen das Zieren und Aufstellen des Maibaumes und seither gibt es auch, durch die Feuerwehr im Marktbrunnen ausgeschenkt, Maibock und Maibowle sowie Maikäferwecken. Auch eine schön gestaltete Erklärungstafel, welche die heutigen Handwerke auf den Zeichen darstellt, wurde gefertigt.

So hat sich die Maifeier nicht nur erhalten, sondern sie hat sich auch zu einem schönen lebendigen Brauchtum weiterentwickelt und ist jedes Jahr an diesen Maientagen zu einem beliebten Treffpunkt der Winterbacher geworden, wo man einfach gemütlich zusammenstehen und miteinander reden kann.“ Ab 1993 übernahmen die Alterswehr unserer Feuerwehr und die Feuerwehrfrauen das Zieren und Aufstellen des Maibaumes und seither gibt es auch, durch die Feuerwehr im Marktbrunnen ausgeschenkt, Maibock und Maibowle sowie Maikäferwecken. Auch eine schön gestaltete Erklärungstafel, welche die heutigen Handwerke auf den Zeichen darstellt, wurde gefertigt.

Soweit der Bericht von Helmut Nachtrieb sen.

Und jetzt hoffen wir, dass wir uns nächstes Jahr am Vorabend des 1. Mai gesund wieder unterm Maibaum auf dem Marktplatz treffen können. Jürgen Rieger