Gebäude im Jahr 2005

Das Dorf- und Heimatmuseum Winterbach – Ein Bauernhaus wird 250 Jahre alt

An den beiden Türpfosten am Kellerabgang des Hauses Herdfeld 5 (vorher Gebäude Nr. 167) in Winterbach ist das Baujahr 1776 und im Schlussstein sind die Signaturen „ISB“ und „CSB“ eingemeiselt. Das Landesdenkmalamt beschreibt das Gebäude in seiner Kulturdenkmalklassifizierung als ehemaliges Bauernhaus, dessen typische Struktur eines Bauernhauses des späten 18. Jahrhunderts erhalten ist. Es handelt sich um ein quererschlossenes unterkellertes Einhaus. Der Stallzugang liegt wegen des Geländes an der Giebelseite. Besondere Erwähnung finden der sozialgeschichtlich interessante Altenwohnteil von 1910 sowie die Moste und die Sandsteinplatten im Hausflur/Futtergang. Abschließend heißt es: Das Bauernhaus ist ein Kulturdenkmal aus wissenschaftlichen Gründen (Hausforschung, Sozialgeschichte). Seine Erhaltung liegt insbesondere wegen seines dokumentarischen und exemplarischen Wertes im öffentlichen Interesse.
250 Jahre besteht das Gebäude samt Haus- und Grasgarten also nun schon. Das Grundstück reichte vor dem Bau der Remstalbahn (1861) noch weiter Richtung Süden.

Ausschnitt aus der Urflurkarte

Ausschnitt aus der Urflurkarte

 

Einem Aufsatz von Erich Hinderer über die Geschichte des Hauses ist zu entnehmen, dass das Gebäude nach dem Primärkataster von 1836 Johannes Schanbacher gehört hat. Nach dem Gebäudekataster von 1843 ist Johannes Schanbacher immer noch Eigentümer. 1851 geht das Anwesen auf Gottlob Seitz und 1870 auf Jakob Friedrich Dobelmann über. Von wem das Gebäude 1776 über einem noch älteren kleinen Gewölbekeller erbaut wurde, wissen wir trotz der oben genannten Signaturen nicht. Wahrscheinlich wurde etwa 1844 unter J. Schanbacher südlich der Scheuer ein eingeschossiger Anbau (heute Küche und Schmiede) erstellt.

 

 

 

 

 

 

Ausschnittvergrößerung aus einem unscharfen Foto von 1901

Ausschnittvergrößerung aus einem unscharfen Foto von 1901

1910 wurde dann durch die Familie Dobelmann das Altenteil mit darunter liegendem Schweine- und Hühnerstall sowie dem Laubstall und dem Rübenkeller angebaut.

Giebel des ursprünglichen Gebäudes

rechts: Giebel des ursprünglichen Gebäudes

Wohl anfangs der 1930er Jahre wurde das Fachwerk des ersten Obergeschosses teilweise durch Mauerwerk ersetzt.

Foto links Gebäude Jahr 1912, Foto rechts Gebäude Jahr 1933

links: Fachwerkobergeschoss (Foto 1912; rechts: gemauertes Obergeschoss (Foto 1933)

Die seinerzeitige Eigentümerfamilie Dobelmann, der dieses Gebäude also über 100 Jahre lang gehörte, hat das Bauernhaus unter der Bedingung, dass dort ein Heimatmuseum eingerichtet wird, im Jahr 1973 sehr günstig an die Gemeinde Winterbach veräußert. Dieses Dorf- und Heimatmuseum wurde dann unter der Leitung von Helmut Nachtrieb sen. von ihm selbst, seiner Frau Ruth Nachtrieb und weitern ehrenamtlich tätigen Frauen und Männern eingerichtet. Es wurde im Jahr 1975 während des ersten Winterbacher Brunnenfestes eröffnet. Seither wurde es stetig weiter renoviert und die Sammlung ausgebaut.
Zum 200-jährigen Jubiläum des „Hauses Dobelmann“, wie wir es heute noch manchmal nennen, fand am 30. Mai 1976 ein kleines Dorffest im Herdfeld und im Museumsgarten statt.
Im Beisein von Bundespräsident Dr. Karl Carstens erhielt das Heimatmuseum im Jahr 1981 im Rahmen des Bundeswettbewerbs „Bürger, es geht um Deine Gemeinde“ in Berlin von Bundesbauminister Dr. Dieter Haag eine Sonderauszeichnung zuerkannt.
Heute ist das Winterbacher Dorf- und Heimatmuseum ein Bauernhaus- und Dorfmuseum mit dem immer noch bewirtschaftetem Bauerngarten.

Gebäude im Jahr 2005

Zustand des Gebäudes im Jahr 2005

Man kann sicher sagen, dass es weit und breit ein solch „komplettes“ Dorf- und Heimatmuseum nicht mehr gibt. Es ist auch eines der wenigen Bauernhäuser im Remstal, das in seiner bäuerlichen Struktur weitestgehend erhalten geblieben ist. Über das Museale hinaus ist es ein gemütlicher Ort, an dem man, abseits von der Hektik des Alltags, miteinander reden kann. Dies ist vielleicht auch der Grund dafür, dass die Winterbacher mit ihrem Heimatmuseum so verbunden sind.

Jürgen Rieger für den Heimatverein