Die Glocke auf dem ehemaligen „Schul- und Rathaus“ in Manolzweiler

Vom Glockengeläut der Michaelskirche und anderen Winterbacher Glocken

„Seit mehr als 1.000 Jahren rufen Glocken Christen zum Gottesdienst und zum Gebet. Sie läuten feierlich vor Gottesdiensten, sie läuten zu bestimmten Zeiten, um an Ereignisse zu erinnern. Sie läuten zu freudigen und traurigen Anlässen, zu Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Dabei gleicht keine Glocke der anderen. Die Glocke gilt in der Kulturgeschichte als ältestes Musikinstrument überhaupt.“ (Ev. Landeskirche Württemberg). Kirchenglocken werden dabei in der Regel nach einer Läuteordnung geläutet. Auch für die Glocken der Michaelskirche gibt es eine Läuteordnung.

Ein ganzes Geläut, bestehend aus vier Glocken, gibt es in Winterbach nur in der evangelischen Michaelskirche. Einzelne Glocken haben wir vor der katholischen Kirche „Mariä Himmelfahrt“, auf der Friedhofskapelle, auf dem ehemaligen „Jagdschloss Engelberg“ und bis vor wenigen Wochen auf dem ehemaligen Schul- und Rathaus in Manolzweiler.

Man unterscheidet zwischen kirchlichem und weltlichem Läuten.

Traditionell wird vor dem Gottesdienst geläutet, um die Gemeinde in die Kirche zusammenzurufen. Während des Gottesdienstes wird in der evangelischen Kirche beim Vaterunser-Gebet und in katholischen Kirchen bei der Wandlung geläutet. Einzelne Glocken werden bei Taufen, Hochzeiten, Bestattungen und ähnlichen einzelnen Anlässen geläutet. Regelmäßig erfolgt das Betläuten. Kirchliches Läuten ist durch die Religionsfreiheit geschützt.

Der Stundenschlag jeweils zur vollen Stunde, oft auch zur Viertelstunde, ist ein weltliches Läuten. Er stammt aus der Zeit des Mittelalters, als der Großteil der Bevölkerung keine Uhr hatte und von der Turmuhr der Kirche abhängig war. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten. Wenn in der Neujahrsnacht oder auch bei einem Feueralarm die Glocken läuten, so hat das ebenfalls einen weltlichen Ursprung. Weltliches Läuten ist durch die Tradition geschützt.

Die Glocken der evangelischen Michaelskirche:

Das gesamte Geläute ertönt 10 Minuten vor jedem Gottesdienst, vor Beerdigungen, an Weihnachten, Neujahr und vor evangelischen Feiertagen.

Die Michaelskirche in Winterbach und ihre Glocken

Die große Glocke, genannt „Gottesdienstglocke“ (Nr. 1) von 1951 wird eine Stunde vor dem Gottesdienst, dann als Betglocke um 6.00 Uhr, 12.00 Uhr und 19.00 Uhr geläutet. Außerdem wiederholt diese Glocke jeden vollen Stundenschlag.

Die „Schiedglocke“, auch „Totenglocke“ (Nr. 2), von 1973 wird bei Todesfällen nach dem 19.00 Uhr-Läuten geläutet.

Die erste kleine Glocke, genannt „Vater-unser-Glocke“ oder „Kreuz-Glocke“ (Nr. 3) von 1755 wird eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst, während des Vater-unser-Gebets im Gottesdienst, um 11.00 Uhr und um 15.00 Uhr geläutet. Das Läuten um 11.00 und 15.00 Uhr erinnert an das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz. Das 11.00 Uhr-Läuten erinnerte auch die Frauen auf dem Feld daran, zum Kochen heimzugehen. Auch habe ich gehört, dass das Läuten um 15.00 Uhr zur Vesperpause rufen würde. Darüber hinaus schlägt diese Glocke die volle Stunde.

Die zweite kleine Glocke, genannt „Taufglocke“ (Nr. 4), auch von 1755, wird während der Taufhandlung geläutet. Außerdem ertönt durch diese Glocke der Viertelstundenschlag.

Es gibt noch weitere spezielle Läute-Regelungen, die sich aus der Läuteordnung ergeben. Die Nummerierung der Glocken ist hier nach den Vorgaben des Oberkirchenrates erfolgt und nicht nach der Aufhängung im Turm. Weiteres über die Glocken ist dem Kirchenführer von 2004 zu entnehmen.

Die Glocke vor der katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt:

Glocke vor der katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt in Winterbach

Die Glocke vor der katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt befand sich seit 1958 auf der katholischen Notkirche in der Schorndorfer Straße und wurde dort zu Beginn der Gottesdienste und während der Wandlung geläutet. Beim Abbruch der Kirche wurde sie zunächst eingelagert und erst im Jahr 2017 zur 50-Jahr-Feier des Bestehens der neuen Kirche provisorisch und dann im Jahr 2021 an einem Stahlgerüst endgültig wieder aufgehängt. Seither wird sie vor besonderen Gottesdiensten geläutet.

 

Zu Beginn des Gottesdienstes wird ein kleines Glockengeläut an der Sakristei geläutet. Bei der Wandlung werden Handglocken durch die MessdienerInnen geläutet. Die Glocke wird geläutet, während der Sarg oder die Urne von der Friedhofskapelle zum Grab gebracht wird.

 

 

 

 

 


Die Glocke auf der Friedhofskapelle:

Glocke auf der Friedhofskapelle

Die Friedhofskapelle wurde 1957 mitsamt dem Glockentürmchen errichtet.

Außerdem wurde die Glocke geläutet, wenn jemand auf dem Engelberg gestorben ist. Heute wird sie nur noch bei Sterbefällen auf dem Engelberg geläutet. Manchmal wird die Glocke auch geläutet, wenn der Leichenwagen auf dem Weg zum Friedhof durch den Engelberg fährt. Die Engelberger stehen dann an der Straße und verabschieden ihre/n Mitbewohner/in.

Die Glocke wird von Hand geläutet, das Seil ist über die ehemalige Hausmeisterwohnung erreichbar.

 

 

 

 

 

 


Die Glocke auf dem ehemaligen „Jagdschloss Engelberg“:

Die Glocke auf dem ehemaligen „Jagdschloss Engelberg“:

Die Glocke im Glockentürmle wurde früher um 11 Uhr (Jesu am Kreuz) und um 15 Uhr (Todesstunde Jesu) geläutet. Das 11.00 Uhr-Läuten hatte, wie bei der Michaelskirche erläutert, auch die Bedeutung als Mittagsglocke. Monika Grambitter kennt von ihrem Vater auch noch den Spruch beim 11 Uhr-Läuten: „Elfe, Weib koch, zwölfe wird’s doch!“ Früher wurde die Glocke auch um 18.00 Uhr geläutet und war das Zeichen für die Knechte des Schlossgutes, vom Feld heim zur Stallarbeit zu gehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Glocke auf dem ehemaligen „Schul- und Rathaus“ in Manolzweiler

Die Glocke auf dem ehemaligen „Schul- und Rathaus“ in Manolzweiler

Im Heimatbuch von 1996 schreibt Erich Hinderer: „Im Jahr 1894 wurde eine Schulglocke angeschafft. Geläutet werden musste diese zu Beginn des Unterrichts als sogenannte „Frühgebetsglocke“, dann um 11.00 Uhr als „Mittagsglocke“ und als „Vesperglocke“, im Sommer um 16.00 Uhr und im Winter um 15.00 Uhr.“ Der Schulbetrieb endete 1959. Das Läuten zu Beginn des Unterrichts wurde wohl schon früher eingestellt.

Bis zum Abbruch des Schulhauses wurde vor Gottesdiensten und vor Beerdigungen (1 Std., ½ Std. und ¼ Std.) geläutet. Auch wurde die Glocke geläutet, wenn der Leichenwaagen über die Kaiserstraße bis zum Friedhof fuhr. Die Glocke läutete auch weiterhin als Mittagsglocke (11.00 Uhr) und Vesperglocke (16.00/15.00 Uhr). Den Läutedienst in Manolzweiler hatte seit 1980 Inge Fink versehen.

Das Glockentürmle samt Glocke und Uhr des ehemaligen Schul- und Rathauses in Manolzweiler wurde beim Abbruch des Gebäudes vor wenigen Wochen abgebaut. Über die weitere Verwendung ist wohl noch nicht entschieden.

Eines der bekanntesten deutschen Gedichte, dieser Hinweis sei noch erlaubt, ist Das Lied von der Glocke von Friedrich Schiller. Schiller verbindet darin die Darstellung eines handwerklichen Glockengusses mit allgemeiner Anschauung und Kommentierung des Menschenlebens, seiner Möglichkeiten und Gefahren.

Jürgen Rieger für den Heimatverein